|
Einleitung Die
beiden Begriffe Klavier und Medien rufen in der Regel recht
unterschiedliche Assoziationen hervor. Auf der einen Seite lässt
der Begriff Klavier an klassische Musikkultur denken, die heute
leider nur von einer Minderheit gepflegt wird. Auf der anderen Seite drängt
sich beim Begriff Medien die moderne Mediengesellschaft ins Bewusstsein.
Diese ist assoziiert mit einer Beschleunigung der Lebenswelt, einer oft
beklagten Neigung zur Oberflächlichkeit und Kommerzialisierung und
nicht zuletzt dem drohenden Verlust von künstlerischem Erleben in
Form einer sich auf allen Kanälen ausbreitenden Pop-Kultur. "Gerade in der heutigen Zeit, in der die Medien zum passiven Musikkonsum verleiten, sind eigene musikalische Aktivitäten von besonderer Bedeutung." (Smeets 1996, 5) Auch Reinhart von Gutzeit als Vorsitzender des Verbandes Deutscher Musikschulen sieht in seinem Beitrag zur selben Festschrift in der zunehmenden Verbreitung elektronischer Medien ein Faktum, das musikpädagogische Arbeit erschwert: "Unsere Arbeit — das ist eine Binsenweisheit — wird nicht gerade einfacher, denn die Hindernisse, die es zu bewältigen gibt, sind enorm: Die Alltagswelt der elektronischen Medien, die Tendenz zum Schnuppern und zum raschen fast-food-Erfolg, die Leere in den kommunalen Kassen." (v. Gutzeit 1996a, 15) Dass die Musikerziehung um ihren Standort ringt, ja dass die musikalische Bildung sogar "im Ganzen" gefährdet sei, geht auch aus dem Memorandum zur Ausbildung für musikpädagogische Berufe des Deutschen Musikratsvom 12. Februar 2000 hervor. Dort wird vor dem Totalverlust musikalischer Bildung gewarnt, wobei unter den gefährdenden Faktoren ebenfalls die Medien genannt werden:
"Der Deutsche Musikrat stellt mit Sorge fest, dass sich die gesellschaftliche Musikpraxis sowie das musikalische Lernen auf allen Ebenen einerseits und die Ausbildung für die musikpädagogischen Berufe andererseits in hohem Maße auseinander entwickelt haben. Eine Neubestimmung dieses Verhältnisses und Konsequenzen für die Ausbildungsinstitutionen sind unabweisbar, soll nicht die musikalische Bildung im Ganzen gefährdet sein. Die heutigen Ausbildungskonzepte verlängern immer noch einseitig Grundvorstellungen des 19. Jahrhunderts und reichen angesichts des gesellschaftlichen und kulturellen Wandels nicht mehr hin. Die Sorge ist vor allem bedingt durch Aus dem Gesagten folgt, dass die Ausbildungskonzepte für musikpädagogische Berufe dringend der Revision bedürfen." (Deutscher Musikrat 2001) Aber inwiefern divergieren Musikkultur und Mediengesellschaft und wie begründet sich dieser Konflikt? In der Tat beruht zwar die Musikpädagogik, wie vom Deutschen Musikrat artikuliert, auf Grundvorstellungen des des 19. Jahrhunderts. Aber hat sie sich nicht weiterentwickelt und neue, aktuelle und überzeugende Konzepte entworfen? Kann sie mit äußeren Veränderungen nicht Schritt halten? Welchen Stellenwert kann das Musizieren in der Mediengesellschaft haben? In welche Richtung muss die Revision der musikpädagogischen Berufe sich bewegen? Am Beispiel des Klavierspiels soll diesem Fragenkomplex nachgegangen werden. Eine zentrale Frage wird dabei sein, welchen Einfluss Medien auf den Umgang mit Musik und das Musizieren haben. Es wird sich zeigen, dass dieser Einfluss fundamental ist. Dieser Versuch, die aktuelle musikkulturelle Situation vor dem Hintergrund der Medienentwicklung zu beurteilen, erfordert zunächst einen Blick zurück. Im historischen Teil (Kapitel 2) wird die Entwicklung des Klavierspiels und die seiner Vermittlung in den letzten etwa drei Jahrhunderten beleuchtet. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Rolle zunächst vorwiegend schriftlicher Medien gerichtet. Kapitel 3 ist den medienwissenschaftlichen Grundlagen, insbesondere den technologischen Voraussetzungen der aktuellen Entwicklung neuer Medien- und Musiktechnologie gewidmet. Kapitel 4 soll die bis dahin geklärten Zusammenhänge zusammenführen und eine Einschätzung der aktuellen Situation versuchen, die auch einen Ausblick in die Zukunft erlaubt. |